Das Gasthaus am Rand der Sonne

Niemand wusste, wer das Gasthaus erbaut hatte. Es stand da, wo die Sonne nicht unterging und der Mond nicht aufging, ein Ort zwischen den Zeiten. Und doch fanden immer wieder Reisende hierher, jeder mit einer Geschichte, die er noch nicht kannte.

An diesem Abend waren es neun Figuren, die am langen Tisch Platz genommen hatten.

Die Träumerin mit rotem Barett legte ihr Skizzenbuch auf.
„Heute wird etwas geschehen. Ich habe es schon hundert Mal gezeichnet, aber ich weiß nicht, was es ist.“

Der Zyniker auf der Kugel grinste. „Etwas geschieht immer. Meistens Unsinn. Ich trinke auf den Unsinn.“

Die Priesterin des Lichts lächelte sanft. „Nein. Es ist etwas Größeres. Ich spüre, dass wir gerufen wurden.“

Und als sie dies sprach, flatterte ein Stück Pergament durch das Fenster – ohne Wind, ohne Hand, die es warf. Darauf stand nur ein Satz:

„Kommt hinaus. Der Weg erwartet euch.“


Der Weg der Schatten

Draußen lag keine Straße, sondern ein Teppich aus Schatten, der sich bewegte wie Wasser. Die Architektin der Schatten trat vor, berührte den Boden, und die Linien begannen, sich zu ordnen. Aus dem Chaos entstand ein schmaler Pfad.

„Wir müssen zusammenbleiben“, warnte sie.
„Oder wir verirren uns in den Träumen der anderen.“

Der Sanfte Riese ging als Erster. Jeder seiner Schritte ließ Blumen aus Licht erblühen. Die Tänzerin des Zwielichts folgte ihm – und wo sie tanzte, wurde der Pfad breiter, sicherer.

Doch der Listige schlich am Rand. „Wer sagt, dass der richtige Weg der sichtbare ist?“ murmelte er. Und im nächsten Augenblick war er verschwunden.


Kapitel 3 – Das Spiegel-Tor

Nach langer Reise erreichten sie ein Tor, das nicht aus Holz oder Stein war, sondern aus reiner Spiegelung. Jeder sah darin nicht sich selbst, sondern die Version, die er nie geworden war.

  • Die Träumerin sah sich als alte Frau, die all ihre Geschichten verschwiegen hatte.
  • Der Zyniker sah sich lachend – ehrlich lachend – und erschrak.
  • Die Gelehrte mit Brille sah eine Version von sich, die alle Antworten vergessen hatte und einfach glücklich war.
  • Der Sanfte Riese sah sich klein, unscheinbar – und begriff, wie viel Kraft sein Lächeln bedeutete.

Nur die Priesterin des Lichts flüsterte: „Das Tor verlangt, dass wir uns selbst akzeptieren.“

Einer nach dem anderen traten sie hindurch.


Kapitel 4 – Die Stadt aus Zeit

Hinter dem Tor lag eine Stadt, die sich ständig veränderte. Türme wuchsen und fielen in Sekunden, Straßen drehten sich im Kreis, Märkte erschienen und verschwanden.

Die Dame am Tisch stellte ihren Krug auf den Boden und goss daraus eine klare Flüssigkeit. Wo der Tropfen fiel, entstand für einen Augenblick Beständigkeit: ein Platz, ein Café, ein Ort zum Ausruhen.

„Hier ist alles vergänglich“, sagte sie. „Wir müssen unsere eigene Beständigkeit finden.“

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