Über eine Welt die sich leise verwandelt

Teal & Orange auf Steroiden

Sie stand am Rand des Sumpfes, dort, wo früher die Kornfelder waren. Jetzt blühten hier nur noch Mohn und Spinnenlilien – Blumen des Schlafs und des Abschieds.
Sie blickte nach oben. Die Wolken zogen nicht mehr. Sie ballten sich zusammen, wurden fest und dunkel wie Erde, und aus ihnen wuchsen Wurzeln herab. Es sah aus, als würde eine gigantische, unsichtbare Eiche kopfüber im Himmel wachsen und versuchen, die Erde zu berühren. Schwarze Tinte begann aus diesen Himmelswurzeln zu tropfen. Es war der erste Riss in der Realität. Elara spürte keine Angst, nur eine seltsame, schwere Melancholie. Sie wusste, dass die Gesetze der Schwerkraft und der Zeit gerade ihre Gültigkeit verloren hatten.

Zusammen mit dem Kind – vielleicht war es ihre Schwester, vielleicht eine Erinnerung an sie selbst – erreichte sie den See. In der Mitte des Wassers lag das alte Haus auf der Insel. Früher war es ein Zufluchtsort gewesen.
Doch jetzt war der See ein Spiegel, der Dinge zeigte, die nicht da sein sollten. Unter der Wasseroberfläche schien ein Abgrund zu liegen. Aus dem Himmel fielen keine Tropfen, sondern lange, schwarze Fäden, wie Risse in einem alten Filmstreifen. Sie zerschnitten die Stille.
„Weint der Himmel?“, fragte das Kind.
„Nein“, sagte Elara. „Er blutet aus. Die Welt löst sich auf, Farbe für Farbe.“
Das Haus auf der Insel war unerreichbar geworden, geschützt durch einen Vorhang aus flüssiger Dunkelheit.

Dann trafen sie ihn. Den Reiher.
Er war riesig, viel größer als jedes Tier sein sollte. Er stand regungslos am Ufer, ein Wächter der Schwelle. In dieser neuen Welt waren die Vögel die einzigen, die sich noch sicher bewegten. Sie waren die Boten zwischen dem „Davor“ und dem „Danach“.
Der Reiher blickte nicht auf sie herab, er blickte durch sie hindurch. Er wartete. Er war nicht bedrohlich; er strahlte eine uralte Geduld aus. Er war hier, um sicherzustellen, dass der Übergang friedlich verlief. Dass die Realität nicht zerbrach, sondern sanft in den Traum hinüberglitt.

Schließlich kam Elara an das Ende des Weges. Der Himmel hatte sich nun vollständig geöffnet. Ein schwarzes Auge, umringt von wirbelndem Rot und Orange, starrte auf den See herab.
Ein einzelner, schwerer Tropfen schwarzer Materie hing an einem Faden herab, kurz davor, die Wasseroberfläche zu berühren. Es war der Moment der absoluten Spannung.
Elara wusste: Wenn dieser Tropfen das Wasser berührt, ist die Verwandlung abgeschlossen. Das Türkis würde das Land verschlucken, und das Rot würde zur neuen Erde werden.
Sie stand auf dem Baumstamm, den Rücken uns zugewandt, und wartete auf den Kontakt. Es war kein Weltuntergang. Es war einfach nur das Umblättern einer Seite in einem Buch, das wir nicht mehr lesen konnten.

Und dann berührte der Tropfen das Wasser.

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