Er stand schon hier, als diese Stadt noch ein Versprechen war. Jetzt ist sie aus Gold und Staub, und er ist immer noch da – aufrecht, ungerührt, das Schwert locker in der Hand wie ein Spazierstock aus einem schlechteren Jahrhundert. Man sagt, Geduld sei eine Tugend. Bei ihm ist sie schlicht eine Frage der Zeit. Und davon hat er mehr als genug.

Er beugt sich vor – nicht aus Interesse, sondern weil er schon so lange auf die Menschen herabschaut, dass es irgendwann anatomisch wurde. Die Stadt hinter ihm explodiert förmlich in Farbe: Kuppeln, Türme, rosa Himmel. Er hat das alles schon gesehen. Und trotzdem – ganz tief drin, dort wo Vampire so etwas wie ein Herz tragen – ist da noch ein Funken Neugier. Klein. Hartnäckig. Fast menschlich.

Manchmal braucht auch ein König einen Moment. Die Hände ruhen auf dem Schwertknauf, die Augen gehen irgendwohin, wo Karten nicht hinreichen. Die goldene Stadt glüht warm im Rücken – treu wie ein alter Hund, der nicht versteht, warum sein Herrchen schon wieder nachdenklich ist. Er würde es ihr erklären. Aber es würde sehr, sehr lange dauern.

Zwei Welten, eine Entscheidung – und er mittendrin, mit Klauen, die er wirklich mal kürzen sollte. Links das warme Gold vergangener Reiche, rechts das kühle Grau von etwas, das noch kommt. Die orangefarbenen Monde hängen im Dunkeln wie schlechte Nachrichten, die niemand überbringen will. Er lächelt nicht. Aber wer so lange lebt, der weiß: Am Ende wird er wieder der Letzte sein, der noch steht.
